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“Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s der Kultur gut?!”

Rede von Vorsitzenden Stephan A. Schmidt zur Eröffnung der artig'13

Auszüge aus Rede zur Eröffnung der artig’13 von Stephan A. Schmidt, Vorsitzender des artig e.V., während der Vernissage am 20. September 2013

[…] Letzten Sonntag war Landtagswahl, übermorgen ist Bundestagswahl – und in knapp 6 Monaten sind Kommunalwahlen, im Oberallgäu wird’s einen neuen Landrat und in Kempten einen neuen Oberbürgermeister geben, da die beiden Amtsinhaber nicht mehr antreten. Wahlen, Wahl- und Parteiprogramme sind dieser Tage das Thema – die Gelegenheit schlechthin, Politik und ihre Programme oder Versprechen auch einmal aus Sicht von Kunst und Kultur zu beleuchten.

Rede des Vorsitzenden Stephan A. Schmidt zur Eröffnung der artig'13

Stephan A. Schmidt zur Eröffnung der artig’13 – Foto: Sandra Geiger

Drei Männer bewerben sich um die Nachfolge im Kemptener Rathaus. Auf die Frage, was ihre Ziele seien, hörte oder las man wie so oft als einen der ersten Sätze: „Die Wirtschaft stärken.“ Aber warum? Oder warum nicht die Kultur? – Abgesehen davon, dass es der Wirtschaft in dieser so oft proklamierten Shopping-Metropole des Allgäus alles andere als schlecht geht. Nein, Kempten geht’s, schaut man sich z.B. diverse veröffentlichte Ratings der letzten Jahre an, im Gegensatz zu so mancher anderer Kommune nicht nur gut, sondern sehr gut.

Auf die Frage „Warum Wirtschaft stärken“ bekommt man oft den Satz vorgesetzt „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s der Kultur gut“ – manchmal gar schon garniert mit einem „Ging’s den Medici gut, ging’s dem Michelangelo gut.“

Nur: Wird ein Satz wahrer, nur weil er uns z.B. von neoliberalen Wirtschaftsinstituten in jahrzehntelanger, gebetsmühlenhafter Dauerbeschallung immer wieder vorgekaut wurde? Und selbst wenn – hat sich ein großer Teil der Wirtschaft, vor allem die, die mit Macht den Takt vorgibt, nicht längst von Langfristigkeit, Nachhaltigkeit und Verantwortung verabschiedet – nach dem Motto „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s dem Shareholder, dem Aktionär gut“. Denn in einer Wirtschaft als reinem Auszahl-Apparat geht’s um die schnelle Mark, die Rendite. Die Kultur ist da oft nicht mal mehr Deko – sondern längst vom Tisch gefallen.

„Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s der Kultur gut“ – ist das überhaupt die richtige Reihenfolge? Es ist beileibe keine „linke“ Position, sondern eine humanistische, wenn wir auch dem kommenden Oberbürgermeister und dem Stadtrat, aber ebenso manchem Wirtschaftler gerne ins Buch schreiben möchten: Geht’s der Kultur gut, geht’s dem Menschen gut. Und geht’s dem Menschen, dem Mitarbeiter gut, ist er kreativ, „Open minded“, von Impulsen aus Kunst und Kultur angeregt, – dann geht’s auch der Wirtschaft nicht nur gut, sondern dann ist sie gesund.“

Und bei dieser Gelegenheit, weil wir uns in diesen Tagen eh’ gerade darin üben, unsere Blicke auf Kandidaten und Programme zu schärfen, um Übereinstimmungen zu finden, eine letzte Bitte für heute an die Politik: Ich wünsche mir von einem „Kulturoberbürgermeister“ und natürlich ebenso von einem neu zu wählendem Stadtrat, bei Kunst und Kultur zu differenzieren, mit einem Auge nach hinten zu blicken, auf die Vergangenheit, da wo wir herkommen, auf Historie, Brauchtum und Tradition – und mit dem anderen auf sich entwickelndes Neues zu schauen – und moderne, zeitgenössische Kunst gleichermaßen zu pflegen und zu fördern wie Geschichte, Heimat und Brauchtum.
Ich habe überhaupt nichts gegen Brauchtumspflege, ich bin ein sehr geschichtsbewusster Mensch, aber die Devise für unseren Kulturetat sollte lauten: Fifty-Fifty.

Vielleicht wurden der Justitia, die früher mehr als heute nicht nur für das Rechtswesen oder den Rechtsstaat stand, sondern in der älteren römischen Mythologie noch mehr als ausgleichende Gerechtigkeit verstanden wurde, ja deshalb oft die Augen verbunden, weil das nicht schön anzusehen wäre, wenn sie in solchen Fällen schielen muss – und in unserem Falle einmal auf die Waagschale der Tradition, und einmal auf die Waagschale neuer, moderner, zeitgenössischer Kunst.

Eine „Klassik“, auch eine Volksmusik, die wir heute pflegen, war zu ihren Lebzeiten, als sie geschaffen wurde, das neue, moderne. Und sie ist uns heute in den meisten Fällen nur deswegen bekannt, weil sie damals, als sie neu war, auch gefördert wurde.

Heutzutage herrschen immer mehr Vokabeln wie Wirtschaftlichkeit, Effizienz, Rendite und Wachstum vor, und selbst Künstler werden in eine „Kreativindustrie“ eingetütet. Da kommt man sich schon gänzlich anachronistisch vor, wenn man in diesem omnipräsenten ökonomischen Zeitgeist-Orchester plötzlich von Förderung, von Zuschüssen spricht. Nur: Kultur hat noch nie – nicht direkt – Geld gebracht, sondern immer gebraucht. Aber: Kunst und Kultur haben uns allen noch nie soviel Geld gekostet, noch nie soviel Geld kaputt gemacht wie die Banken und Spekulanten in den letzten paar Jahren!

Kunst und Kultur jedoch sind dieses Geld wert, weil das weder Almosen für Bettler noch Rettungsschirme für Zocker sind, sondern Investitionen in die Zukunft einer gesamten Gesellschaft – denn: Geht es der Kultur gut, geht es – auch – der Wirtschaft gut. Und vor allem dem Menschen.

Und vom großen Kulturpolitischen auf unsere kleine artig von heute runtergebrochen: die artig ist unser Beitrag dazu, unsere „Investition“. Fördern kann jeder, nicht nur mit wichtigen Geldern, sondern ebenso mit seiner Hände Arbeit. Wir, der artig e.V., sind in der glücklichen Lage, nicht nur zu fordern, sondern zu machen, weil wir auf zahlreiche bereitwillig helfende Hände zurückgreifen können, die Kunst als wichtig erachten – und sie schaffen damit ebenso Kunst – und stellen sich dabei sogar in den Hintergrund, ohne ein eigenes Werk auszustellen, freiwillig und ehrenamtlich.

Stellvertretend für all die Helfer, seien unser technischer Leiter und Aufbauschef Thomas Scherer genannt, die beiden Bernds oder Klaus Vetter und die vielen anderen. Liebe Freunde – ohne Euch gäb’s diese artig nicht, Euch tausend Dank. – Euer Applaus! Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. […]

 

PS – ein kleiner Nachtrag: Den Medici ging’s wahrlich nicht darum, dass es dem Michelangelo (und all den anderen von Ihnen geförderten Künstlern) gut ging, sondern sie verfuhren nach dem Motto: Geht’s dem Michelangelo gut, geht’s – im Endeffekt auch – den Medici gut.

2 Kommentare
  1. Johann Ehler
    Johann Ehler says:

    Warum nicht gleich und viel besser: \”Gehts dem Hausschwein im Stall besser, gehts meinem Kind besser.\”

    Antworten
    • Stephan A. Schmidt
      Stephan A. Schmidt says:

      Hallo Herr Ehler,
      …weil das keine Brandrede zum Aschermittwoch war, sondern eine zur Eröffnungsfeier einer Kunstausstellung 😉 Und weil Sie diese wunderbare Metapher sonst nicht gepostet hätten.
      Herzliche Grüße, Stephan A. Schmidt

      Antworten

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