Geschichte und Geschichten von Geld und Glauben

Eine Einführung in die Ausstellung ALLMGÄUER (27.3. – 26.4.15) und in die Geschichte der ehemals reichstädtischen Münze von Stephan A. Schmidt

_DSK2607_b_s Liebe Freunde der Kunst, liebe Geschichtsfreunde, liebe Freunde des Geldes,

keine Bilder an den Wänden dieser Kunstgalerie? Kaum Skulpturen, dafür aber viel Edelmetall unter Vitrinenglas? Gerade Besucher klassischer Kunstausstellungen – und die sind ja schon historisch gesehen erwartbar – werden sich solches fragen. Bitte bewahren Sie sich diese Eigenschaft, denn es folgen weitere Fragen:

Wer erwartet von Künstlern Antworten? Stellen sie nicht vielmehr „nur“ Fragen? Warum gar sollte ich von einem Frager selbst die Antwort erwarten? Sind Künstler vielleicht nur die besseren Frager, weil sie Fragen mit ihren Werken sprichwörtlich in den Raum stellen? „Ein Wegweiser muss nicht dorthin gehen, wohin er zeigt“, sagte einst der deutsche Philosoph Max Scheler.

Oder vielleicht: Ist eine Antwort gar nicht der Zweck der Frage? Sondern nur der Anstoß für einen eigenen Weg, eigene Gedankengänge? Über das, was wir wissen oder glauben?

Überhaupt: Geben Glaubensfragen Antworten?

Nach dem Glauben an Kredite und Immobilien, bis die Blase platzt? Das Wort „Kredit“ stammt vom lateinischen Verb „credere“, auf Deutsch: glauben. Nicht: Glauben wollen.

Oder bis der feste Glaube der Nürnberger Bevölkerung an eine Flugzeuglandung direkt vor der Lorenzkirche in Wut umbricht? 2005 hatte der Jahreskünstler der Blauen Nacht eine solche Punktlandung zwar angekündigt und eine Landebahn zwischen den Altstadthäusern hell illuminiert, eine Landung selbst hatte er aber nicht geplant. Der Künstler damals war Res Ingold. Heute ist er hier mit seinem Dokumentationsvideo über Münzfunde an der Iller vertreten.

_DSK2602_b_sWer erwartet also von Kunst und Künstlern Antworten? Oder zumindest Fragen? Falls es denn überhaupt eine Frage ist und nicht eher eine Idee – z.B. die Idee eines Künstlers, die Geschichte dieses Hauses wieder aufleben zu lassen, in dem seit drei Jahren Kunst das Leben prägt, aber vor fast genau 500 Jahren Geld geprägt wurde.

Was ist Geschichte?
Und was sind Geschichten?

Seit Menschen Geschichte schreiben, schrieben sie sie auch immer in Ihrem Sinne – denn Geschichte ist Nährboden für Identität, z.B. für den Stolz einer Bürgerschaft oder einer Nation.

1950 feierte, nach zwei hässlichen Weltkriegen, zur ersten Allgäuer Festwoche die Stadt Kempten ganz groß ihr 2000-jähriges Jubiläum. 1950 minus 2000 macht 50 vor Christus. Nur: Es gab nie und gibt bis heute keinen einzigen Beleg und keinen Fund, dass 50 v. Chr. hier irgendetwas stand außer Bäumen. Erst rund 70 Jahre später errichteten Römer erste Holzgebäude – vielleicht ein Wachturm und ein Stall, aber noch keine Stadt.

Oder 1937: An eine Wand im Kemptener Rathaus ließ Alfred Weitnauer – Historiker, Heimatpfleger, NSDAP-Mitglied und späterer Bundesverdienstkreuzträger – ganz im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie diesen Satz schreiben: „Dieses Haus war einstmals alemannischer Herzogshof, um 740 fränkischer Königshof.“ Meterbreit dort hin gemalt hatte diese Inschrift Franz Weiß – ein Künstler aus München, damals „Hauptstadt der Bewegung“, Geburtsort von Max Scheler und inzwischen Studien- und Arbeitsstätte der hier ausstellenden Künstler.

Nur: Diese Wiege fränkischer Könige, immerhin germanischer Großstamm und einer von ihnen Karl der Große, hätte ein U-Boot sein müssen: Noch bis 1300 floss hier, auf der westlichen Seite der Altstadt und der Burghalde, die Iller breit durch die Landschaft und trennte zwei seit dem 8. Jahrhundert existierende Siedlungen mit ihren Klöstern: die spätere Reichs- und die spätere Stiftsstadt. Dass die Iller einmal mehrere Arme gehabt haben soll und damit die Altstadt auf einer Insel stand, ist ebenfalls ein ewiger Mythos.

Noch einmal 1950: Anlässlich eines Sparkassen-Jubiläums wurde Weitnauers Stadtführer „Kempten – Sehenswertes und Wissenswertes aus der Allgäuer Hauptstadt“ in hunderttausendfacher Auflage verschenkt, womit eine weitere frei erfundene Geschichte zu bis heute unauslöschlichem Allgemeingut wurde: Dass das erste Kloster im reichsstädtischen Kempten am St.-Mang-Platz gestanden habe und erst Jahrhunderte später auf die Illerhochterrasse in den Bereich der stiftsstädtischen Residenz verlegt worden sei – also nur ein Ableger war und ist.

Wer also Geschichte schreibt und prägt, sucht und schafft Macht: Wir sind die besseren, uns gab’s früher – wir haben‘s erfunden!

Und wer Geld prägt, meist mit seinem Hoheitszeichen, der erhält ebenfalls Hoheit und Macht. Gefährdet man diese Macht, bekommt man sie zu spüren: 1611 wird ein Kemptener Goldschmied hingerichtet, weil man bei ihm Prägewerkzeuge für Pfennige gefunden hatte.

Als um 1470 in Kempten das Rathaus und viele weitere Gebäude entstehen, wird auch dieses Haus als kommunaler Zweckbau errichtet – ob von vornherein zum Zweck des Münzens, ist allerdings unbekannt.

_DSK3038_b_s1510  jedenfalls erhält die Reichsstadt Kempten vom Kaiser das Recht zur Münzprägung, und die Kemptener Münzgeschichte währt 116 lückenhafte Jahre. Denn 1626 werden Kemptener Münzen vom Kurfürst von Bayern und vom Herzog von Württemberg endgültig verboten, eingesammelt und eingeschmolzen – nun, weil die Offiziellen Münzen mit minderwertigem Metallen prägten – also letztlich fälschten. Die Kemptener mussten den Schaden und die Kosten zahlen. Hingerichtet wurde diesmal niemand.

In ganz Deutschland zeigte diese „Kipper- und Wipperzeit“ (in der unter Zugabe von Zinn oder Blei aus zwei Münzen drei wurden) während des Dreißigjährigen Krieges ihre Wirkung: Der Glaube an die regionalen Münzsorten war erschüttert, man tauschte wieder direkt Naturalien oder wollte nur für „gutes Geld“ kämpfen; ein Begriff, der zu jener Zeit geprägt wurde. Gab es kein gutes Geld, wurde schon im römischen Reich stattdessen mit Land gezahlt – oder später mit der Erlaubnis, zu plündern.

_DSK2908_montage_b_sHeute gibt es wieder solches „gutes Geld“, aus Feinsilber und Feingold. Wir machen mit Bruno Wank einen historischen Salto rückwärts: Nach einer Pause von rund 400 Jahren wird wieder Geld geprägt. Zugleich wird Kunst gemacht, was weitere, neue Fragen aufwirft: Dass man mit Kunst Geld machen kann, ist bekannt. Dass aus Geld Kunst werden kann, zeigen Alfred Kurz und Bernd Rummert mit ihren Werken – aber dass Geld selbst schon Kunst ist bzw. wird, das ist eher unbekannt bis paradox und ein nachdenkenswerter Ansatz: Künstler schaffen ihre eigene Währung.

Fragen, die den Geist schärfen

Alles in allem kann diese Ausstellung Anlass sein, a) seinen Geist an der Kunst zu schärfen – und b) seinen Geist an der Geschichte zu schärfen – und den Blick für beides zu schärfen: um Geschichte und Geschichten auseinanderzuhalten, und um Kunst und Geld auseinanderzuhalten. Oder – im Fall des Allmgäuers – eben gerade nicht.

Dessen Name verweist, ob Zufall oder Absicht und ob Sie’s glauben oder nicht, auch auf die Almen im südlichen Allgäu: Von dort kam früher das Geld aus Rom, später dann einerseits das Silber für die Kemptener Münzen – und andererseits saßen dort auch Fälscherfamilien.

Heute kommen von dort, aus den bayerischen und Schweizer Alpen, die „frischen“ Goldfunde von Matthias Mönnich, hier zu sehen in einer gesonderten Vitrine zusammen mit einem von ihm aus Rheingold geschmiedeten Ring, der laut Richard Wagner zu endloser Macht verhilft, sofern man „der Minne Macht entsagt und der Liebe Lust verjagt“.

Ob Alfred Weitnauer ein Wagner-Fan war, ist unbekannt. Jedenfalls ergötzten sich beide am Mythos schwülstiger Geburtsstunden einer großdeutschen Nation, deren tausendjähriges Märchen-Reich man fünf Jahre nach dem Untergang liebend gerne mit einem zweitausendjährigen Kempten-Märchen tauschte.

Von den Geschichtsfälschern zurück zur Fälschergeschichte: Die Gauner von damals fälschten (wie auch heute) bestenfalls gar kein Geld, d. h. sie orientierten sich nicht an der Originalmünze, sondern sie erfanden nur irgendeine, bevor die echte in Umlauf kam: Als um 310 n. Chr. bekannt wurde, dass ein neuer römischer „Aureus Solidus“ den alten „Aureus“ ablösen wird, tauchten diesseits der Alpen sofort verschiedene Solidi auf, die auch ganz offiziell aussahen, mit dem echten aber keinerlei Ähnlichkeit hatten. Dies spielte auch keine Rolle, schließlich wusste ja noch keiner, wie der echte aussah.

Die Stadt Ingolstadt, zu deren 1200-Jahrfeier im Jahr 2006 Studenten von Res Ingold die Kunstausstellung „Pomp“ entwickelten, begründet den über das „Normalbäuerliche“ herausragenden hochherrschaftlichen Teil ihrer Geschichte auch mit dem Fund eines Münzfingerrings aus dem 7. Jahrhundert, dessen Schmuckplatte aus einem goldenen Solidus besteht.

Seitdem besitzt auch Res Ingold einen solchen Solidus. Geprägt hat ihn sein Akademiekollege Bruno Wank – ob Sie’s glauben oder nicht. Er liegt vorne in der ersten Vitrine neben dem Eingang.

Im Raum unten, in der Vitrine an der neuen alten Prägestätte, findet sich auch eine bereits vor der Ausstellung aufgetauchte Fälschung des Allmgäuers, die Bruno Wank aber sicherstellen konnte. Daneben steht ein kleiner, alter Tresor aus der Kemptener Sparkasse, die derzeit abgerissen wird und 1950 ihr 125-jähriges Jubiläum feierte. Also in dem Jahr, als Kempten 2000 Jahre alt wurde, die Stiftsstadt nur ein reichsstädtischer Abkömmling war und in der Bank dieser Tresor eingemauert wurde. Das glauben zumindest wir.

Kempten im März 2015,
Stephan A. Schmidt

PS: Bernd Rummert und Alfred Kurz sind sich vor dieser Ausstellung nie begegnet und haben sich nicht gekannt. Ehrlich.
…auch wenn die ausgestellten Werke irgendwas gemeinsam haben:

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