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Ein Preis von Künstlern für Künstler

artig Kunstpreis Kataloge 2014 2016

Vorwort von artig-Vorsitzendem Stephan A. Schmidt im Ausstellungskatalog zum Kunstpreis 2016

Die Jury hat viele Abende getagt, die Auswahl steht – und die angelieferten Werke füllen noch ungeordnet die Räume und Gänge der Galerie. Wir sortieren sie in Gedanken bereits für die Hängung: welches Werk wo und mit welchem daneben?

Wir halten kurz inne und lehnen uns zurück, um den Blick auf das Gesamte schärfen: Ja, wir sind ebenso zufrieden wie überrascht, welch eine Bandbreite von den Themen bis zu den Stilen, Formaten und Techniken diese finale Auswahl hat, und wie weit die vermeintlichen Grenzen einer Kunst ausgelotet sind, die – da die Kunst frei ist – eigentlich keine Grenzen haben dürfte.

Nach der großformatigen Malerei von Heng Li, die wir 2014 mit dem Kunstpreis ausgezeichnet haben, steht 2016 nun mit „Jules“ ein eher kleines Foto von Merlin Ortner im Rampenlicht (sowie als Leuchtrahmen auch im eigenen Licht). Und man wird, was keine Absicht war, dem artig Kunstpreis weiterhin keine Vorlieben nachsagen können.

Diese Bandbreite gestattet einen Kunstvermittlungsauftrag, der einem möglichst offenen Kunstbegriff verpflichtet ist – und eben nicht nur die intellektuellen Ansprüche und Deutungshoheiten von Eliten bedient. Oder anders gesagt: Hier kann sich der „ganz normale Mensch“ auch einfach nur erfreuen wie an schöner Musik für‘s Auge, und entdecken, was in einer unverkopften Kunst, die mitten im Leben stehen kann, alles möglich ist.

Vor diesem Hintergrund sehen wir den bunten Briefkasten mit dem Titel „Dolce Vita oder das Leben ist so-o-o schön“ von Dinara Daniel durchaus als einen Gegenentwurf zu den sonst so oft postulierten sozialkritischen oder politischen Sichtweisen von ernsthafter Kunst und Künstlern. Und würden solche Briefkästen die Wege der „Montagsspaziergänge“ in Dresden säumen, entspräche auch das der Logik von „Alles ist Politik“.

Die vermeintlichen Grenzen der Kunst lotet, gleichsam mit einem Lächeln, die fast dadaistische Online-Würfelei des anonymen „Kombinat Äpärät“ aus: Ob und was hier mit der vernetzten Installation „WRFL://“ hinterfragt werden soll, steht dem Betrachter so frei wie die Kunst selbst.

Ursprung der Werkauswahl wie der Preisvergabe ist eine möglichst neutrale und unabhängige Jury. Sie besteht aus aktiven Mitgliedern des Vereins, wovon die meisten selbst Künstler sind. Ihr werden die eingereichten Arbeiten anonymisiert vorgelegt, d.h. die Juroren kennen nur Titel, Technik und Maße der Werke.

Auch die Juroren selbst sind in einem Punkt unabhängig von einander und damit frei vom Zwang zu nivellierenden Kompromissen: Jeder hat ein einmaliges Veto-Recht gegen die ansonsten mehrheitliche Ablehnung eines Werkes; vier von fünf Juroren haben diesmal davon Gebrauch gemacht. Auch das macht es schwierig, aus diesem Kunstpreis Vorlieben herauslesen zu wollen.

Unabhängigkeit bedeutet ebenso, dass die Juroren selbst, ihre nahen Verwandten und generell ordentliche artig-Mitglieder nicht teilnehmen dürfen (was eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber oft leider nicht der Fall ist).

Und unabhängig bedeutet, dass die Jury jenseits jeglicher Einflussmöglichkeiten von außen, d.h. ohne Verpflichtungen gegenüber Schirmherren, verdienten Honoratioren oder gewichtigen Geldgebern arbeiten kann. Dazu gehört auch ganz explizit, dass Sponsoren keine großen Ankäufe von Kunst tätigen, die vielleicht zu deren Unternehmen passt, damit den Fokus aber weg von den Jury-Entscheidungen lenken. Oder dass bei einer Vernissage nicht Honoratioren und ihre universellen Verdienste um die Kultur in Hinterunterhügelheim im Mittelpunkt stehen, sondern Kunst und Künstler.

Denn wer zahlt, schafft an. Auch bei artig. So ist die Jury nur der Kunst und einem einzigen Geldgeber verpflichtet: der Gesamtheit der Künstler, die mit ihren Teilnahmebeiträgen diesen Kunstpreis finanzieren. Daher kommen auch die Preisgelder allein von Künstlern für Künstler: Alle zahlen solidarisch in einen Jackpot ein, und der Künstlerverein artig steuert seine ehrenamtliche Arbeit und seine Infrastruktur bei.

Eine weitere Besonderheit des artig Kunstpreises ist, zumindest aus Allgäuer Sicht, dass er grenzenlos ausgeschrieben ist und die Teilnahme nicht vom Geburts- oder Wohnort des Künstlers abhängig macht. Den Einblick in das Kunstschaffen der Region und ihrer Mitglieder geben bereits andere Kunstpreise. Wir aber wünschen uns einerseits einen künstlerischen Austausch über die Grenzen hinweg und andererseits für unsere Besucher Kunst, die es hier sonst nicht zu sehen gäbe.

Abschließend ein kurzer Blick zurück: Im April 2012, haben wir die Galerie Kunstreich im Herzen der Kemptener Altstadt eröffnet. Vier Jahre, knapp 40 Ausstellungen und einen Kunstpreis später ist das Anmeldeformular für den Kunstpreis 2016 online, und es rappelt im Posteingang. Allein am Tag des Einsendeschlusses sind es 43 Anmeldungen, und am Ende insgesamt über 400 mit rund 800 eingereichten Werken, durch die sich die Jury arbeiten muss.

Mit dieser überwältigenden Flut, dem Vertrauen und der entsprechenden Verantwortung haben wir nicht gerechnet – wir sind dankbar und rechnen gerne neu: Wir verdoppeln den artig Kunstpreis 2016 von 1.000 auf 2.000 Euro, erhöhen den Sonderpreis der Jury von 500 auf 700 Euro, und auch der Stifter des Publikumspreises, die Brauerei Härle, erhöht von 500 auf 700 Euro. Zudem führen wir, in Anbetracht der vielen Künstler, von denen wir unbedingt mehr sehen möchten, einen weiteren Preis ein: die Einladung zu einer kostenfreien Einzelausstellung in der Galerie Kunstreich.

Ab wann das gilt? Da antworten wir gerne mit SED-Funktionär Günter Schabowski: „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort… unverzüglich.“

Mit diesen Worten wünsche ich Ihnen ein grenzenloses Kunsterlebnis!
Ihr Stephan A. Schmidt

2 Kommentare
  1. Herbert J. says:

    Hallo bei Artig!
    Nur eine ganz unelitäre Frage: Wie groß ist denn der Katalog oben auf dem Foto? Irgendwie stimmt mit der Perspektive etwas nicht.
    Viele Grüße
    H.J.

    Antworten
    • Redaktion
      Redaktion says:

      Hallo Herbert J.,
      das liegt nicht an der Perspektive, sondern an der Größe, wie Sie zu recht vermuten. Der 2016er Ausstellungskatalog ist im A3-Quadrat-Format, also knapp 30 x 30 cm, und der 2014er daneben hatte noch “nur” 22 x 22 cm.
      Künstlerische Grüße, Stephan S.

      Antworten

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