Von Freunden und Bildern & Bildern als Freunde

Laudatio von Christian Hof zu LEBENSLANDSCHAFTEN von Horst Kämmer
(3.10. – 2.11.14):

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» Helga Gutbrod, Birgit Höppl, Rainer Jehl, Helmut Domnik, Peter Huf, Manfred Küchle und unser ehemaliger Oberbürgermeister Ulrich Netzer – diese 7 Personen bildeten 2002 die Jury der Ausstellung zur Allgäuer Festwoche.

68 Werke haben die 7 damals für den Hofgartensaal ausgewählt, und wer sich erinnert der weiß: Es war eine der bisher besten Kunstausstellungen zur Allgäuer Festwoche. Sicherlich wurde auch damals viel ausjuriert, was aber zählt, das sind bleibende Eindrücke von Werken voller Qualität, die dabei waren. Die Kunstpreise gewannen absolut verdient Horst Heilmann, Wolfgang Scherer, Pit Kinzer und Silke Witsch. In der Ausstellung sind noch weitere preisverdächtige Arbeiten vertreten gewesen: Hartmuth Kleins Bild „LM“, Wolf Maurers Diptychon „Terra Incognita“, Stephan Rustiges Arbeit „Hechtsprung“, Peter Riss‘ Objekt „Schönmaschine“ und … Horst Kämmers Werk „Erinnerung“.

_DSK7137_bsDreimal habe ich damals gerade wegen dieses Bildes die Ausstellung besucht – aus heutiger Sicht vielleicht keine Besonderheit – aber 2002 hatte die Ausstellung nur während der Festwoche geöffnet und sie hat für Nicht-Festwochenbesucher 2 Euro Eintritt gekostet. Jedes Mal war ich froh, dass es noch keinen roten Punkt hatte – und jedes Mal habe ich überlegt, ob ich mir das Bild für 1500 Euro leisten kann. Dann war die Ausstellung vorbei und ich noch immer ohne das Bild. Es folgten kurzentschlossen ein Telefonat, ein Besuch … und ich kam mit zwei Bildern von Horst Kämmer nach Hause. Ein Moment, der definitiv mein Leben grundlegend verändert hat.

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Ich danke deshalb der Jury von 2002 für ihre Entscheidungen, Birgit Höppl richtet übrigens Grüße aus, auch sie kann sich noch heute an das Bild von Horst Kämmer erinnern.

„Erinnerung.“ Ein düsteres Bild, das in seiner Optik und mit seinen Symbolen wie Höhlenmalerei oder steinzeitliche Kratztechnik – wirkt. Menschen – teilweise in langen Gewändern – stehen dicht beieinander, Kreuze, Tiere, Gefäße, Aufzählungen … ein dichtes Arrangement, das komplexe Zusammenhänge menschlicher Zivilisation auf das Wesentliche zusammenschrumpfen lässt: Emotionen und Instinkte, die so alt sind wie der Mensch selbst. Das Werk bildet in meinen Augen eine Brücke. Eine Brücke zwischen unserer Welt von Heute und unseren Ursprüngen – Heute sind wir auf den Kontinenten der Moderne eine freie und satte Gesellschaft. Jegliche Form von Entfaltung ist möglich, egal ob das Ergebnis gut oder schlecht ist. Am Beginn der Erfolgsgeschichte „Menschheit“, hat aber nur eines gezählt: Die Qualität. Die Qualität von Werkzeugen, die Qualität von Ideen, die Qualität von Kommunikation. Diese wesentliche Triebfeder dürfen wir nicht vernachlässigen: Das Streben nach Qualität und das Verlangen nach Qualität.

Horst Kämmer hat solche Qualität noch als echtes grafisches Handwerk gelernt – ohne Maus und Photoshop. 1941 geboren, sind Kriegs- und Nachkriegszeiten spürbare Erinnerungen. Sein grafisches Talent wird erkannt und gefördert, von 1958 bis 1962 als Zeichen- und Malschüler bei Herrmann Dietze, Erich Hercher und Paul Rudolph. Sein Talent und sein Können sind gefordert 1968 bis 1970 als freischaffender Grafiker für den renommierten Stuttgarter Maler Max Ackermann und 1976 bis 1991 für den prägenden deutschen Gestalter Otl Aicher. Den Einfluss der beiden spürt man in Horst Kämmers Bildern. Die Bilder sind nicht aufdringlich, sie sind nach grafischen Prinzipien klar geordnet, sie wollen die Kunst nicht neu erfinden oder aufgesetzt aufwühlen. Oft zeigen sich auf den ersten Blick Landschaftsanmutungen, Felder in der Natur, Strukturen von Gestein, vereinzelt auch Gestalten und Getier. Sie erzählen von versöhnlicher Harmonie – die aber trotzdem neugierig macht. Und plötzlich spürt man die Präsenz von Geheimnissen. Bilder von Horst Kämmer sind also optimale Lebensbegleiter, so wie lange, gute Freunde.

Jeder Mensch ist ein Künstler. Heißt es. Leider ist nicht jeder Mensch ein Sammler. Der Kemptener Kunstpreisträger Stephan Rustige – ein Maler den wir beide sehr schätzen – hat kürzlich gesagt, im Allgäu gäbe es 250 ernstzunehmende Künstler, aber eben nur 150 ernstzunehmende Sammler. Dabei weitet das Sammeln von Kunst den kreativen Horizont nach meiner Meinung sogar stärker als künstlerische Selbstversuche. Im Blick auf den eigenen Geldbeutel wird die Frage nach Intention, Qualität und bleibender Wirkung plötzlich wirklich wichtig. Urlaub oder Lieblingsbild? Wie lautet Ihre Antwort? Mein Appell an Sie: Werden Sie Sammler!

„Lebenslandschaften“. Was ist damit gemeint? Vielleicht gibt uns das blaue Bild hier in der Nische eine Antwort, es heißt ja „Lebenslandschaft“. Das Leben eines Menschen scheint hier portraitiert als eine Art Landschaft in der Zeit. Das Gehirn als Nährboden für unsere Gedanken ist durchzogen von Einschnitten und Furchen, von Rissen und Kerben. Oder blicken wir hier auf eine Handfläche voll von erlebten Lebenslinien? Horst Kämmer ist dieses Wort 2003 beim Malen im Atelier plötzlich in den Sinn gekommen. Und genau dieses Wort verbindet ihn wieder mit Otl Aicher. Otl Aicher hat nicht nur die Olympia-Piktogramme erfunden und die Rotis-Schrift entwickelt. Er hat auch sehr gute Bücher geschrieben. Sehr bewegend ist „Innenseiten des Kriegs“, erschienen 1985. Dort heißt es in einem der abschließenden Kapitel:

„Die Freunde sind in alle Winde zerstreut […] Lebenslandschaft entleert sich, löst sich auf, wird dünner“ („Innenseiten des Kriegs“, 1985, S. 249)

Für beide ist die „Lebenslandschaft“ also nicht eine Beschreibung von urbanen Strukturen, die unsere Natur besetzen und durchziehen, sondern eine Art energetisches Feld, das aus unseren Freunden, aus Gemeinschaft, aus Erinnerungen besteht. Jeder von uns lebt dabei in seiner eigenen, persönlichen Lebenslandschaft, seinem eigenen Kosmos. All diese Landschaften können aber aneinander andocken, ineinander greifen, manchmal miteinander verschmelzen und gemeinsam Zeit teilen. Das ist Horst Kämmers Idee, die in all seinen Bildern präsent ist, und an die ich jeden Morgen erinnert werde, wenn ich aufwache. Ich wünsche Ihnen nun, dass auch Sie Ihr Lieblingsbild für zuhause entdecken und – so wie ich – in Horst Kämmer einen guten Freund gewinnen. «

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