Keine Laudatio. Sondern: Selber machen. zusammen.

Eröffnungsrede zur Vernissage der artig’15 in der Markthalle Kempten am 19. Juni 2015 von Stephan A. Schmidt (Vorsitzender artig e. V.)

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Was sagt man bei solch einer Vernissage, was kann man als Gast erwarten? Seit 2009 haben wir uns immer wieder die Köpfe über das ob und wie einer Laudatio zerbrochen: Kurz auf das Schaffen der einzelnen Künstler eingehen, noch etwas zur Vita… 15 Künstler mal zwei Minuten, macht dann – Sie können sich schon mal Stühle holen – 30 Minuten.  Nun bin ich sowieso kein großer Freund von genie-trunkenen Laudatio-Arien, schließlich ist auch das hier eine Kunst- und keine Künstlerausstellung.

Und dennoch gib es zur artig’15 eine Künstlerausstellung, nämlich im Magazin zur Ausstellung, das wir seit 2009 anstelle eines Kataloges herausgeben. Das möchte ich Ihnen ans Herz legen, nehmen Sie sich’s gerne auch umsonst mit nach Hause, oder gegen eine kleine Spende, wenn Sie unsere Arbeit unterstützen möchten.

Also keine Laudatio. Natürlich könnte man die Gelegenheit dazu nutzen, um vor solch einem Auditorium auf große Missstände in der Welt im Allgemeinen und bei Kunst und Kultur im Besonderen hinzuweisen, und um alle großen Teufel an die Wand malen, z. B. der stete Niedergang der abendländischen Kultur – wozu es überhaupt keine Islamisierung braucht, denn das erledigt das Abendland schon selbst: mit seinen (zusammengestrichenen) Lehrplänen und seinem Privatfernsehen.

Nur ist solch eine Vernissage auch keine Trauerfeier, sondern ein freudiger Anlass. Daher am besten zu dem Grund, warum wir heute Abend hier zusammen sind.

Unser Grund, unser Anliegen ist: Kunst für möglichst viele Menschen, von möglichst unterschiedlichen Menschen, und mit möglichst viel Miteinander. Alte Hasen, Newcomer, Skulpteure, Maler, Fotografen – und was durch die Positionierung dieser Bühne inmitten der Ausstellung augenscheinlich ist und zum Kernkonzept der artig gehört – Musiker, Autoren, Dichter, Kabarettisten und vieles mehr. Die ganze Kunst – an neun Tagen und acht Abenden: Bleiben Sie uns also die nächsten Tage bitte treu, es gibt danach immer noch genug Sommertage.

Für solch ein Konzept die richtige Fläche zu finden, möglichst neutral und damit frei bespielbar, und möglichst zentrumsnah (also nah an den Menschen), dafür gibt es in Kempten nicht viele Möglichkeiten. Diese Markthalle ist eine, und ich hoffe, dass zumindest das so bleibt. Zumal wir mit blühenden Kulturlandschaften hier derzeit genug Diskussionsstoff haben.

…womit ich dann doch unweigerlich zwar nicht beim Untergang des Abendlandes lande, aber bei der Kemptener Museumslandschaft – bzw. bei der hiesigen Kulturpolitik insgesamt.

1. zu den Museen- bzw. Sammlungsbeständen: Im Stadtrat gab es jüngst den Antrag, Dinge, die angeblich nur verstauben, zu veräußern. Ich sage: Es gibt keinen einzigen Grund, auch nur irgendeinen Teil wegzugeben, egal ob man ihn irgendwann ausstellt oder nicht. Nach solch einem „Nutzvieh-Denken“ kann man auch Stadtarchive ausräumen – und wer dies tut, löscht nicht nur Kulturgeschichte, sondern Geschichte insgesamt und damit die Identität einer Gesellschaft. Und wer solches fordert und tut, der wird auch irgendwann Schulen schließen. Zumindest die musischen.

2. Kunst muss frei zugänglich sein für alle Menschen – auch wenn das mancher Stadt- und Gemeinderat anders sieht: Der, der sagt, dass diejenigen, also diese Extravaganten, die hohe Kunst und Kultur unbedingt sehen wollen, dann bitteschön auch dafür zahlen sollen – der soll sich bitte ab sofort vor jeden Stadtpark stellen, vor die Radwanderwege, jeden Kinderspiel- und Bolzplatz und die Berg- und Höhensteige – und auch dort Eintritt verlangen. Viel Spaß dabei.

Und der soll folgenden Gedanken zu Ende führen: Jeder, der so furchtbar anspruchsvoll ist und mehr will als arbeiten, um danach seine volkswirtschaftliche Pflicht als Verbraucher zu erfüllen und den Rest möglichst kostenneutral dahinzuvegetieren, der zahlt für all das extra?! Dann zahlen aber Hobbyfußballer bitte mehr Krankenversicherung usw. usf. – und dann verabschieden wir uns Stück für Stück von einer Solidargemeinschaft – und von einer Kulturgemeinschaft. Wir sind sowieso auf dem Weg weg von einer Wertegemeinschaft zu einer Nutzwertgemeinschaft – umso mehr sollte man heute dem entgegenwirken: mit mehr Kulturpflege, mit mehr Kunst.

Wir bei artig z. B. verlangen überhaupt keinen Eintritt für Kunstausstellungen, weder hier noch in der Galerie kunstreich in der Altstadt – und das ganz bewusst, um die Zugangshürde niedrig zu halten: freie Kunst für freie Bürger. Und für die mit größeren Geldbeuteln stehen Spendenboxen bereit – das hat bei uns bisher gut funktioniert. Wir bauen auch weiter darauf, dass die die teilen können, dies auch tun.

3. Bekannt ist, dass die Museums- und Ausstellungsflächen in Kempten rar sind, bzw. rarer werden – zum einen. Und zum anderen fehlt ein Haus für zeitgenössische Kunst, wie es in Kaufbeuren, Marktoberdorf, Memmingen oder Ravensburg existiert und wie es auch Kempten als die Metropole des Allgäus mehr als gut zu Gesichte stünde. Nur muss man so ehrlich sein und sagen, dass es dort in den anderen Städten lange Entwicklungsprozesse brauchte – plus private Investoren und Stiftungen.

Es stellt sich hierzu auch eine grundlegende Frage: Wollen wir uns das so zentral von „der Stadt“ wünschen? Oder wollen wir das auch als Aufgabe der Bürgerschaft, also als unsere Aufgabe begreifen und entsprechend konkret beim Planerischen Eigeninitiative ergreifen und eigene Impulse geben? Beispiel Beginenhaus: Da haben auch engagierte Bürger – trotz aller Querschüsse – das Heft in die eigene Hand genommen.

Vielleicht sollten wir in Kempten ganz konkret einen Schritt machen und eine Art Planungs- und Stiftungsgremium schaffen, das die auch in Kempten durchaus vorhandenen Kräfte sammelt und fragt, wer was dazu beitragen kann: Wo wollen wir hin, welchen Zeitrahmen geben wir uns dafür? Egal ob ehrenamtlich, finanziell, organisatorisch und kuratorisch. Noch findet diese Diskussion leider nur stückweise in der Zeitung statt, und nicht miteinander an einem Tisch. Mit Politik, Verwaltung resp. Kulturamt, mit freien Trägern, dem Berufsverband und weiteren Akteuren aus dem Kulturleben.

Dazu nur ein Gedanke, der auch mir unweigerlich kam, als ich zuletzt im Marstall war: Warum räumt man dieses wunderbare Gebäude nicht frei und bespielt es grundsätzlich und dauerhaft auf zwei bis drei Ebenen ähnlich wie in der MEWO Kunsthalle in Memmingen mit wechselnden Ausstellungen, die zum einem aus den historischen wie neueren Beständen und Sammlungen gespeist werden, und zum anderen mit zeitgenössischer Kunst? Da gäbe sich vieles die Hand, und dieser Ort könnte zum Drehkreuz sowohl Allgäuer Kultur- und Kunstgeschichte als auch zeitgenössischer Kunst werden. Die derzeit im Marstall geplante Stadtbibliothek sollte man einfach da belassen, wo sie ist, und ihren Dachstock ausbauen – so wie es z. B. auch die FKM-Vorsitzende Margarethe Gradmann vorgeschlagen hat.

Und schon höre ich da „Und die Parkplätze?“ – am Marstall wären ja nur 20 oder 30. Das ist albern. Waren Sie schon mal in anderen Städten, vielleicht in Nürnberg im Kunsthaus? Da gibt es nicht 30, nicht 20, sondern Null Parkplätze vor dem Haus. Sie werden also hinter dem Bahnhof parken, aber Sie gehen gerne dorthin, ca. 8 Minuten Fußweg, weil das Programm sie lockt, und weil es spannend kommuniziert wird.

Ich übergebe gleich das Wort an Oberbürgermeister Thomas Kiechle – ich freue mich, dass er da ist – und betone auch ihm gegenüber: Was ich eben gesagt habe, ist kein Auftrag oder Antrag an das Amt eines Oberbürgermeisters, sondern vielmehr an alle, die mehr Kultur wollen – und die, die wissen, dass da unser gesellschaftliches Herz schlägt und weiter schlagen sollte. Denn Kunst und Kultur sind kein volkswirtschaftlicher Schaden, ebenso keine Aufgabe allein der Politik, sondern stehen in unserer Verantwortung und sind unser ureigenstes Spiel.

Also: Selber machen – das ist auch einer der grundlegenden Impulse, warum es die artig hier in der Markthalle schon zum fünften Mal und seit drei Jahren die Galerie kunstreich gibt. Und gerne können wir auch zusammen mit weiteren Engagierten – von denen ich hier einige sehe – weiteres angehen. Für mehr Platz für mehr Kunst.

mehr zur artig’15:

der Überblick
die Künstler
das Programm
der Fotoblog

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