Das Gedächtnis eines Bildes

Barbara Wolfarts Rede zur Eröffnung der Ausstellung DIE GANZE WELT IST BÜHNE von Kornelia Kesel am 10. Februar 2017 in der Galerie Kunstreich

Liebe Gäste, 

lassen Sie mich Ihnen zuerst einmal etwas aus der Welt der geschriebenen Worte und der Bücher erzählen:

Es ist erst ein paar Tage her, da habe ich ein Buch mit dem seltsam klingenden Titel „Konzert ohne Dichter“ gelesen. Das Buch handelt von der damaligen Worpswedener Künstlerkolonie. Der Titel für das Buch bezieht sich auf eine großformatige Arbeit des Jugendstilmalers Heinrich Vogeler. Es war nicht der offizielle Titel des Bildes, der war anders, aber Vogeler selbst nannte es „Konzert ohne Dichter“. 

Auf der Leinwand spielen verschiedener Musiker, alles auch bildende Künstler der Gruppe, etwas steif und verhalten, auf unterschiedlichen Instrumenten. Die Szene spielt auf Vogelers kleiner Terrasse vor seiner romantischen Villa. Zentral mittig war zunächst Rilke zu sehen, doch da Vogeler während der Bildentstehung enttäuscht und fast mit Verachtung auf Rilke reagierte übermalte er kurzerhand den Dichter. „Konzert ohne Dichter“ war entstanden.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich damit sagen will, dass die meisten Bilder aus der alten und neuen Kunstgeschichte ein „Gedächtnis“ haben. Eine Erinnerung, die wir in den meisten Fällen nur erahnen können, falls uns der Maler selbst in die Geschichte einweiht, oder falls die Übermalung flüchtig oder dünnhäutig ist und noch etwas von der Untermalung preisgibt.

Bei den Bildern, die wir heute in Kornelia Kesels Ausstellung DIE GANZE WELT IST BÜHNE betrachten – so viel darf ich Ihnen verraten – gibt es ein vielschichtiges, und das im wörtlichen Sinn des Wortes, Gedächtnis.

Kesel inszeniert ihre Bilder. Sie inszeniert nach dem Shakespear’schen Motto: „Die ganze Welt ist Bühne“. Sie gestaltet eine Art Bühnenbild auf ihrer Leinwand, lässt Tänzer und Jongleure auftreten, Hunde und fremdartige Wesen auf ihren Einsatz warten. Der Kontext ist nicht immer ganz ersichtlich, doch gerade das macht das Bild zu einem Abenteuer der Phantasie für den Betrachter. Realistische Malerei vermischt sich mit surrealen Ansätzen. Im Hintergrund zeigen sich Symbole ikonografisch oder ornamental auf Wänden, die sowohl einen Innenraum andeuten oder auch Außenmauern sein könnten. Graffiti ähnlich erzählen auch sie Geschichten des Alltags, von Sehnsüchten und Emotionen, von Fern- und Heimweh.

Kesels Arbeitsprozess ist ein langwieriger. immer wieder stellt sie die Komposition in Frage, übermalt ganze Passagen oder einzelne Figuren, um dann oft eine ganz andere Gestaltung zu erreichen. Eine neue Geschichte wird erzählt. Die andere bleibt „Gedächtnis“.

Kesel ist ihre eigene unbarmherzige Kritikerin. Sie ist erst zufrieden, wenn wirklich alles ihren Vorstellungen entspricht. Man könnte sie auch eine Perfektionistin nennen. Nicht im üblichen Sinn, Ordnung oder Genauigkeit betreffend, sondern im Sinn bis ins letzte Detail authentisch sein zu wollen. Und ich muss sagen, die Mühe lohnt sich.

In den Bildern, die wir heute Abend sehen, finden wir nicht nur Geschichten. Nein, diese Bilder hüten viele Geheimnisse. Ihre auf der Leinwand verwobenen Collagen, meist Worte, Schriften, Textpassagen senden bruchstückhaft und metaphorisch geheime Botschaften. Kesels Farbwahl bleibt bei all dem zurückhaltend.

Während der Arbeit wird aus der Malerin gleichzeitig eine Drehbuchautorin, eine Bühnenbildnerin, eine Kritikerin und eine Erfinderin, die sich sensibel in die von ihr erschaffenen Protagonisten hineinversetzt. Bei all ihrer Gestaltungsfreiheit, ihrer großen Phantasie, ihrer Malfertigkeit, erreicht sie Bilder, die ihre ganz persönliche Handschrift tragen. Und ich denke neben aller Anerkennung, die sie für ihre Arbeit verdient, ist das das größte Lob.

Bevor Sie nun neugierig gemacht die Reihe der wunderbaren Bilder von Kornelia Kesel an sich vorbei ziehen lassen, möchte ich Ihnen noch auf den Weg geben: Die Bilder sind auch verkäuflich!

Und was das Kaufen anbetrifft: Eine Freundin, die gerade vor ein paar Wochen von Neuseeland zurück kam hat diesen köstlichen Text in einer Galerie dort gefunden. Den wollte ich Ihnen für den heutigen Abend nicht vorenthalten:

Wenn du etwas von einem Künstler kaufst
Kaufst du mehr als nur einen Gegenstand
Dann kaufst du 100 Stunden
Irrtümer und neuer Versuche
Kaufst Jahre von Frustration
Und Augenblicke reiner Freude
Du kaufst nicht nur ein Ding
Du kaufst ein Stück eines Herzens
Ein Stück einer Seele
Ein kleines Stück
Vom Leben eines Anderen

Viel Freude wünsche ich Ihnen für den heutigen Abend und den gesamten Verlauf der Ausstellung.
Barbara Wolfart

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