Gerhard Menger, Künstler und Vorsitzender des BBK Allgäu/Schwaben-Süd, zur Eröffnung der Ausstellung „Gestern und Heute“ von Mercedes Vetter-Rodriguez am 25. Mai 2018

Liebe Mercedes, du hast mich gebeten, ein paar Worte zur Eröffnung deiner Ausstellung zu sagen. „Ich hab´ ja sonst niemand“, hast du noch augenzwinkernd hinzugefügt. Nun…, wenn auch deine Bitte nicht gerade schmeichelhaft formuliert war, komme ich ihr gerne nach. Denn ich kenne dich ja und mag deine direkte Art. Sie ist ja auch die Grundlage deiner authentischen Kunst.

Mercedes Vetter-Rodriguez und ich kennen uns seit 30 Jahren. Diese Ausstellung ist deshalb für mich auch Anlass diese gemeinsame Zeit mit ihr und unseren beiden Familien zu feiern.

Mercedes ist in Cádiz geboren. Sie hat die iberische Lebensart gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen, während ich sieben Jahre als Kunstlehrer in Bilbao wirken durfte und damit die Gelegenheit bekam, die spanische Kultur mit allen Poren und allen Sinnen aufnehmen zu können. Das verbindet, und eigentlich kannten wir uns schon bevor wir uns kennen lernten, weil die Liebe zur spanischen Kultur alle ihre Aficionados zusammenschweißt.Mit, oder auch trotz dieser beiden gegenläufigen Biografien, war es irgendwie vorbestimmt, dass Mercedes und ich uns 1988 im Haus International in Kempten begegneten sollten und zwar im Rahmen der monatlichen Tertulia-Treffen (Definition Tertulia: Teil von Integration oder Reintegration). Soviel zu unserer Vorgeschichte.

Wir sind heute hier, um die Ausstellung von Mercedes mit dem Titel „Gestern und Heute“ zu eröffnen.

Wer schon frühere Arbeiten von Mercedes kennt und damit auch ihre kraftvolle Gestaltungsweise, war und ist vermutlich etwas verwundert, dass er zu ihrer aktuellsten Präsentation mit einem etwas klischeehaften und fast zu süßlich wirkenden Kinderbild eingeladen wurde. Assoziiert man doch mit dem großäugigen Kind eher oberflächliche Auftragskunst im höfisch-feudalen Murillo-Stil. Manchmal kann kulturelles Erbe auch belastend sein, ist es aber in diesem Fall nicht. Die zarte Mädchenfigur erweist sich als Ausschnitt aus einem ihrer neuesten Werke mit dem Titel „Der Vorleser“. Die Szene spielt, wie man das aus einem kleinen Schildchen rechts oben schließen kann, in der Calle Literal, der Straße der Literatur. Eine Junge liest einem kleinen Mädchen (ist es Mercedes selbst?) Geschichten von „Gestern und Heute“ vor.

Ich unterstelle, dass sich Mercedes mit beiden Handlungsträgern gleichermaßen identifiziert und sozusagen Erzählerin sowie staunende Zuhörerin in Personalunion ist. Im Vergleich zur Gestaltungsart ihrer sonstigen Arbeiten fällt diese mehr literarische Herangehensweise auf. Ich betrachte sie als Paradigma für das, was schon der Titel der Ausstellung „Gestern und Heute“ signalisiert: Die Präsentation ist eine selbstreflexive Bestandsaufnahme des künstlerischen Wirkens von Mercedes.

Wenn wir nun ihr Gesamtwerk betrachten, fällt auf, dass die Malerin über ein breites Repertoire künstlerischer Ausdrucksmittel und Kompositionsformen verfügt. Mit erstaunlicher Vielfalt, großer Freiheit und scheinbarer Leichtigkeit spielt sie mit deren Wirkungsmechanismen. Das betrifft auch die Wahl der Techniken. Wenn die klassischen Darstellungsmittel wie Öl, Acryl und Kreide nicht mehr ausreichen, durchwirkt sie die Farben fast ungestüm mit allen möglichen Materialien vom Sand bis zu zerriebener Terrakotta und pflanzlichen Elementen, die sie dann mitunter als Vollrelief mit der Farbe auf der Fläche verklebt. Kartonagen ergänzen die Materialpalette. Hier ist sie aber bei Weitem noch nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt.

Ihre bevorzugten Themen sind Menschendarstellungen, Landschaften, auch Stadtlandschaften, Bäume, Berge, Wolken, Wasser und Felsen. Meist werden sie nach klassischen Prinzipen auf den Bildträgern angeordnet. Informelle Gestaltungsformen bilden die Ausnahme, werden aber immer deutlicher angestrebt.

Einen breiten Raum nimmt das Thema Jakobsweg ein. Nicht religiöse Aspekte oder gar nur die körperliche Herausforderung sind der Ansatz ihrer Betrachtung, sondern das Verbindende zwischen den beiden Kulturen, der arabischen und die christlichen und ihrer Menschen. Bekanntlich kristallisierte sich an dieser Nahtlinie, die der spanische Teil des Jakobswegs (Camino Real) heute noch markiert, das heraus, was bis heute unsere europäische Kultur prägte. In der Liebe zum Jakobsweg äußert sich die Weltoffenheit eines Menschen, der die Bedeutung des Weges vor allem auch in seinem Wert für ein tolerantes Europa ohne Grenzen zu schätzen weiß.

Wer eine reiche Lebenserfahrung wie Mercedes hat, kann aus einem vollen Fundus schöpfen. Mercedes gewährt uns einen Einblick in ihre Welt, die immer noch von spanischer Leidenschaft geprägt ist, auch wenn sie z.B. Allgäuer Themen behandelt.

Der Begriff Narrativ ist zwar inzwischen schon etwas modisch abgegriffen, er umschreibt doch in diesem Fall treffend das, was den Wert der Arbeiten von Mercedes ausmacht: Ihre Bilder sind Teil der großen spanischen Erzählung. Sie ist damit eine überzeugende Botschafterin spanischer Kultur. Ihre Bilder sprechen für sich. Sie brauchen keine verbalen Deutungen. Mercedes verfügt über die Bildsprache, über die alle Künstlerinnen und Künstler heute verfügen können, seit sich die bildende Kunst aus den Reservaten von Magie, Religion und auch Feudalherrschaft befreit hat.

Am stärksten wirken auf mich die Arbeiten, die im Mehrdeutigen und Rätselhaften bleiben, wie das zum Beispiel im Werk mit dem Titel Terra Incognita hinter mir der Fall ist. Es ist sozusagen mein Lieblingsbild. Jeder von uns wird sein eigenes entdecken. Die Aura eines Bildes kann man nur in dem kurzen und magischen Augenblick erfassen, wenn es wie beim vorbehaltlosen Blick des kleinen Mädchens der Einladungskarte unmittelbar vor dem wahrnehmenden Auge entsteht, nach „Gestern und Heute“ im „Hier und Jetzt“.

Mercedes ich gratuliere dir zu deiner großartigen Werkschau. Allen Anwesenden wünsche ich viel Freude beim Genießen der Bilder von Mercedes Vetter-Rodriguez.

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