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„Wirtschaft braucht Kunst.“

[Pressespiegel]

Der artig-Vorsitzende und Künstler Stephan A. Schmidt im Gespräch mit 0831.

Es bräuchte mehrere 0831-Ausgaben, um mit dem artig-Vorsitzenden und Künstler Stephan A. Schmidt über Kulturpolitik, Kunst als Standort- und Wirtschaftsfaktor oder darüber zu diskutieren, was Kunst im Allgemeinen  und „Halbkunst“ bei artig im Besonderen ist – um dann auch noch über seine Kunst zu reden. Versuchen wir es trotzdem.

Du selbst machst erst seit drei Jahren Kunst; ist das nicht ein wenig spät?
Für Kunst ist es nie zu spät. Außerdem denke ich, hat man bereits mehr oder weniger klare Bilder im Kopf. Man braucht oft nur einen Arschtritt, um das ans Tageslicht zu fördern. Meiner war 2009 die erste artig, die auf der Idee meiner guten Freundin und Kemptener Malerin Susanne Praetorius basiert.

Wie kam es so spät dazu?
Vielleicht zunächst mangels  musischem Elternhaus, dann mangels Menschen um sich herum, die einem „Künstlertum“ vorleben, und andere, die bestätigen, dass das, was man im Kopf mit sich herumträgt, Kunst ist. Und vielleicht weil das Handwerkszeug noch nicht komplett war. Ich beneide so manchen, der mit Künstlern in der Familie aufwuchs oder Kunst als Studieninhalt hatte. Obwohl ich im Gegenzug, auch für meine Arbeiten, auf Semester mit Philosophie, Politik oder Massenpsychologie nicht verzichten möchte.

Stephan A. Schmidt (Interview 05/11)

Schon ein Jahr später wurde „Mancipation“, eines Deiner Erstlingswerke, für die Allgäuer Kunstausstellung zur Festwoche ausgewählt. Gibt es ein Rezept dafür, anstelle von Künstlern, die seit Jahren einreichen, genommen zu werden?
Falls überhaupt: absoluter Anspruch an Inhalt und handwerkliche Umsetzung. Und absolute Loyalität zum fertigen Werk. Aber ich mag das Konkurrenzdenken in der Frage nicht. Künstler sollten sich – wie wir bei artig – zusammen tun und Räume schaffen, anstatt Angst zu haben, sich gegenseitig Platz wegzunehmen. Denn Kunst ist kein kapitalistischer Verdrängungswettbewerb.

Womit wir bei artig und dem Claim „Großkunst/Kleinkunst/Halbkunst“ wären. Warum nicht nur „Kunst“?
Weil wir die Definition von  „Kunst“ genau mit diesem durchaus ironischen Satz dem Betrachter überlassen. Was ist denn groß, was klein, was halb? Plus die in die Ausstellung integrierte Bühne, die als „Kleinkunst-Bühne“ für Nachwuchskünstler bei der Open Stage oder für ein Impro-Theater dient. Zudem karikiert für mich „Großkunst“ auch die landläufige museale Art, Kunst wie in einer Kirche zu präsentieren. Wir wurden für unser Konzept des „Kunstwohnzimmers“ von etablierter Stelle als „ein Haufen wildgewordener Dekorateure“ bezeichnet. Aus diesem Munde hat mich das geehrt.

Es liegt uns fern, als Konkurrenz verstanden zu werden. Im Gegenteil, wir haben wohl eine Marktlücke – jenseits klassischer Ausstellungen und fernab von Kunsthandwerksmärkten – erschlossen. Die Mehrheit unserer Besucher ist naturgemäß häufig auf Kunstausstellungen, aber viele hatten sich noch nie eine Ausstellung angeschaut. Sicher ist dies auch den Abendveranstaltungen zu verdanken; jeder, der diese besuchte, hat sich auch mit den Exponaten beschäftigt.

Du hast einmal gesagt, Kempten sei zuviel Einkaufs- und zuwenig Kulturmetropole…
Das ist falsch zitiert. Ich sage: Kempten könnte ebenso Kultur- wie Einkaufsmetropole sein, wenn man mit gleichem Nachdruck dahin steuern würde.

Das soll aber Geld kosten, das man nicht hat, und zudem kein Geld bringen.
Quatsch. Der Mensch darbt nicht, wenn er weniger Einkaufsmöglichkeiten hat, sondern wenn er weniger Kultur und ihre Impulse um sich hat. Wo aber diese – als seit Jahrzehnten anerkannter Standortfaktor – wirkt, Lebensqualität schafft und vom Kulturleben angeregte, innovative Arbeitnehmer wie -Geber ansässig werden, wird immer auch Geld verdient.

Warum wird das dann aber nicht forciert?
Da fragst Du den Falschen. Jedenfalls ist zur Finanzierung die Wirtschaft gefragt und weniger die Politik, die allerdings den ortsansässigen Firmen klar machen muss: Wirtschaft braucht Kunst.

Und: Kultur ist keine Werbefläche, sondern eine langfristige Investition in das gesellschaftliche Umfeld eines Unternehmers, seiner Mitarbeiter und Kunden. Bereits jede Kneipe mit Platz für junge Künstler, jedes Punkkonzert, jeder kleine Einzelhändler, der vielleicht 100 Euro für ein Kunstprojekt spendet – all das gestaltet einen lebenswerten und zukunftsfähigen Standort, an den z.B. junge Menschen nach ihrer Ausbildung gern wieder zurückkehren und ihn beleben: als Fachkräfte, als Familiengründer und als Kunden. Aber nur mit Hunderten von Geschäften, breiten Straßen und ein paar Bolzplätzen ist da kein Blumentopf zu gewinnen.

Funktioniert die Finanzierung denn bei artig?
Nur mit Hängen und Würgen. Weniger als 20 Prozent des fünfstelligen Produktionsetats kommen aus Privatspenden, öffentlichen Geldern und Vereinsmitteln. Für über 80 Prozent suchen wir jedes Jahr händeringend Sponsoren aus der regionalen Wirtschaft. Oft wird erst zwei Monate vorher klar, ob eine artig finanzierbar ist.

Das Interview erschien in der Mai-Ausgabe 2011 der Kemptener Stadtzeitung 0831 - siehe auch www.issuu.com
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