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Mehr Kunst, mehr Liebe?!

Mehr Kunst, mehr Liebe. Vorwort im Ausstellungskatalog zur artig'17

Vorwort von artig-Vorsitzendem Stephan A. Schmidt im Ausstellungskatalog zur artig’17

Mehr Liebe?! Was haben die Blumenkinder von artig denn jetzt geraucht?

Nichts. Und sie haben auch keine rosarote Pathos- und Kitschbrille aufsetzen müssen, um zu fragen: Kann oder will eine aufgeklärte, zeitgenössische und per se freiheitsliebende Kunst – nicht unbedingt als „politische Kunst“, aber als mitredender Teil unserer Gesellschaft – nur Missstände aufzeigen oder den Status Quo kritisieren? Denn das kann und konnte die Kunst immer schon gut – bis hin zur Darstellung von menschlichen Abgründen, wie sie zur Tradition der Kunst von Hieronymus Bosch bis Otto Dix und auch vielen jüngeren gehört.

Kann und soll Kunst also nicht nur davon erzählen, wovon man weg will, sondern ebenso vom Wohin? Also nicht den Teufel an die Wand malen und das, was man nicht will, sondern das skizzieren, was man will? Und zumindest das Gute und Schöne malen, fotografieren oder in Stein hauen? Zugegeben: Mir als „kritischen Künstler“ und vielen Kollegen fällt dieser Gedanke schwer. Aber ich denke, es ist‘s wert, ihn zu verfolgen und sich darin zu üben.

Der Anlass für diese „Grübelei“ ist ein ganz einfacher: Vor acht Jahren hatten wir damit begonnen, seit Jahrhunderten nackte Körperstellen bekannter Kunstfiguren ganz artig mit einem schwarzen Balken zu überkleben. Den Anfang machte Michelangelos David bzw. dessen kleiner „Johannes“. Mit diesem Seitenhieb auf die neu aufkeimende Prüderie insbesondere amerikanischer Medien wie Facebook entstand das Motiv für die erste „artig‘09“ in der großen Kemptener Markthalle und letztlich auch der Name unserer Kunst- und Künstlergruppe.

Nun zur artig‘17, etliche Jahre und nackte Kunstmotive später, sind wir am Ende des 19. Jahrhunderts und dem Beginn des Zeitalters der modernen Plastik angelangt – und bei einem seiner berühmtesten Vertreter: bei Auguste Rodin und seinem „Kuss“, u.a. hergestellt aus Marmor und aus Bronze.

Noch ein paar Tage und Entwürfe später findet man sich wieder, wie man zwei Küssende (auf artig-Plakaten) an Wände oder in Schaufenster klebt, und muss unweigerlich an die beiden sich küssenden Polizisten denken, die der anonyme Künstler Banksy 2004 in England an Mauern klebte und die inzwischen ebenso mannshoch über Poster-Shops den Weg in die Zimmer von Jugendlichen finden.

Mancher mag dieses Motiv, oder auch das mit dem einen Blumenstrauß werfenden, vermummten Demonstranten, vielleicht für etwas leichtfüßig halten – auch in Anbetracht dessen, dass Banksy oft wesentlich heftiger ganz andere Themen angeht.

Aber es geht also doch, nicht nur den Teufel an die Wand zu malen. Und es ist kein schlechtes Gefühl, solche Kunst in Jugendzimmern zu wissen, und nicht Plakate mit Slogans von vaterlandzentrierten und aversionsgetriebenen Politikern aus New York, Ankara, Budapest oder Thüringen, die eines gewiss nicht auf dem Zettel stehen haben: Freiheit, Offenheit, Empathie.

Gerade wir Kunstlieb(!)haber und Künstler sollten jegliche Freiheit lieben und stets verteidigen, denn nur aus ihr schöpfen wir diese freie, autonome Kunst, die eben nur dann entsteht, wenn sie nicht Regeln und Interessen von Dritten unterworfen ist. Egal ob als dienlicher Standortfaktor oder gar in der Pflicht, die Identifikation zur eigenen Heimat zu fördern, wie wir wieder in Wahlprogrammen lesen müssen. „Die Macht lieben, heißt sich selbst zu lieben. Die Freiheit lieben, heißt andere lieben“, schrieb schon der englische Essayist und Schriftsteller William Hazlitt (1778 – 1830).

Mehr von Banksy Postern oder Rodins Küssenden als Briefbeschwerer auf so manchem Schreibtisch eines Mächtigen wären vielleicht ein kleiner Anfang. Damit auch Sie, lieber artig‘17-Besucher, etwas Liebe mit nach Hause nehmen können, haben die Künstler ihre Kunststückchen diesmal dem Thema Liebe gewidmet: Diese versteigern wir wie immer bis zum Ende der Ausstellung in einer stillen Auktion.

Erstmals für diese artig‘17 haben wir der Markthalle den Rücken gekehrt und sind mit 12 Künstlern und vielen Veranstaltungen in unsere Galerie Kunstreich gezogen, da diese gleichzeitig ihr fünfjähriges Jubiläum feiert.

Nach diesen fünf Jahren, knapp 50 Ausstellungen und den vielen Künstlern, die hier in Einzel-, Gruppen oder Kunstpreisausstellungen ausgestellt haben, gilt unser herzlicher Dank all denen, die hier tausende von Stunden als Aufsicht geleistet, im Hintergrund geplant, gebaut oder gereinigt haben oder ebenso mit ihren kleinen oder großen Spenden den Betrieb sichern. Nur so kann der artig e.V. einen Großteil der Kosten übernehmen und Künstlern möglich machen, mit nur wenig Eigenmitteln und ebenso wenig Stress sehenswerte Ausstellungen auf die Beine zu stellen.

Das, was Sie hier sehen, ist immer auch Ihre Ausstellung, Ihre Kunst und Teil einer gemeinsamen Freiheit.

Ihr Stephan A. Schmidt

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