Hier der kräftige große Strich umgeben von reichlich Weißraum – aus reduziert Monochromem schält sich fragment- und schemenhaft eine Figur, ein Gesicht. Dort unzählige, feine Farbschichten, zum einen mehrfach in der Druckerpresse MEHR ALS WIR - Ausstellung von Eileen O’Rourke & Radu Cristian Sabattaübereinander gelegte Monotypien, die in ihrer Summe keine mehr sind, zum anderen ebenso vielschichtige Ölmalereien in altmeisterlicher, fast schwerer und wuchtiger Ikonografie. Darin oft ebenfalls Gesichter oder Fragmente von Körperansichten.

Während Eileen O’Rourke bereits durch ihre Wahl der Technik ihre Motive reduziert, erreicht Radu Cristian Sabatta dies Schicht um Schicht mit dem arbeitsintensiven, schweren Spiel aus Fokus und Unschärfe.

Der Fehler jedes „Kunsttexters“ wäre nun, hier weiter zu differenzieren, in Schubladen zu denken und Metaphern zu quälen, bis sich die Balken biegen. Denn wir befinden uns nicht in einer Arena des zwanghaften Vergleichens. Was oder wer ist hier in dieser Ausstellung womöglich Feuer, Wasser, Luft und Erde? Klingt nach Quantenphysik. Und ist Bullshit.

Denn es geht um mehr. Um mehr als eine Summe aus Einzelteilen. Diese Ausstellung heißt – und dafür Danke an die Beiden für diesen Titel – „Mehr als wir“.

Die Wucht der Werke ist ähnlich, beide Künstler nehmen uns jenseits aller betrachtenswerten Technik mit in ein Grübeln über das Menschsein. Jedes Werk spült uns zum nächsten und lässt uns nicht los in diesem gemeinsamen Kaleidoskop verschiedener Szenerien, Schlaglichter und Momente. Warum sollten wir da nur den einen vielzitierten „Schritt“ zurücktreten und betrachten, statt nicht auch vorwärts und eintauchen? Man kann Kunst wie Musik sezieren in Töne und Takte, aber getanzt oder gefühlt hat man noch lange nicht. Es bleibt darüber hinaus ein Mehr, ein Mehr als wir, das es zu [bitte Wort einfügen] gibt.

Es bleibt – wie immer – sich in diese Ausstellung selbst reinzudenken. Oder reinzufühlen…

Dazu sagt Eileen O’Rourke: „Unsere Welt bewegt sich. Seit ich denken kann, jeden Tag noch schneller. Wenn ich mir die Menschen unserer beschleunigten Welt ansehe, spüre ich, dass „Grenzenlosigkeit“ und „Haltlosigkeit“ Geschwister sind, die sich immer begleiten. Die Welt ist in Bewegung. Viele sind auf der Flucht: Sie flüchten und suchen nach Halt, Sicherheit, Hilfe, Freude, Liebe und Freundschaft. Die einen aus ihrer Heimat, um essentielle Bedürfnisse zu stillen. Die anderen aus ihren Leben in das Digitale, das ihnen eine neue Existenz bietet. Sie flüchten sich aus ihrer Menschlichkeit, in die Rationalität des Konsums, der ihnen eine neue Orientierung liefert in der postreligiösen Haltlosigkeit. Sie haben das Gefühl für die eigene Existenz, aber auch für den Anderen, der neben ihnen steht, verloren.

Diese Grenzen- und Haltlosigkeit bewegt mich. In meiner Arbeit versuche ich den Weg zurückzugehen, versuche den Zugang zu mir selbst und damit zu meiner Menschlichkeit immer wieder aufs Neue zu finden. Gleichzeitig ist sie ein Plädoyer an den Menschen neben mir, an den Betrachter, sich für einen Moment in selbst zu begegnen und damit auch den Blick für die Menschen neben ihm zu öffnen.

Der Mensch bildet das Zentrum meiner Arbeit; in letzter Zeit speziell die jungen Menschen. Was wird ihnen einmal wichtig sein? Werden sie die Möglichkeit haben, sich irgendwann selbst zu begegnen, sich zu sehen und im eigenen Kontext wahrzunehmen?“

Eileen O‘Rourke ist in Dachau geboren; ihre Wurzeln liegen in Irland, Deutschland und Ungarn. In ihrer künstlerischen Praxis greift sie (auch, aber nicht nur) zurück auf erfolgreiche Abschlüsse in Grafik und Sozialpädagogik.

Radu Cristian Sabatta wurde in Baden in der Schweiz geboren und wuchs im italienischen Umbrien auf. Er studierte ab 2001 am Kunstinstitut Bernardino di Betto in Perugia, danach an der Universidad de Bellas Artes in Bilbao und dann an der Kunstakademie Pietro Vannucci in Perugia mit dem Diplom für Malerei und Grafik sowie dem Master für Visuelle Kunst und Spielform.

Beide leben und arbeiten in Friedolfing (Landkreis Traunstein) nahe Salzburg.

Termine & Öffnungszeiten:

  • öffentliche Vernissage: Fr. 28. Juni 2019 um 20 Uhr, Begrüßung 20:15 Uhr
  • Öffnungszeiten bis einschließlich So. 28. Juli 2019: Dienstag von 16 bis 20 Uhr und Samstag & Sonntag von 11 bis 17 Uhr
  • Künstlergespräch mit Eileen O’Rourke und Radu Cristian Sabatta: letzter So. 28. Juli, 15 Uhr
  • Der Eintritt ist wie immer frei. So wie die Kunst.

Weitere Infos auch unter www.orourke.de


Abbildung (Ausschnitte, von links):
donna, Radu Cristian Sabatta, Pastell und Öl auf Papier, 30 x 40 cm
zurück, Eileen O’Rourke, Monotypie – Graphit und Öl auf Papier, 40 x 55 cm

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