Ein in Fotos festgehaltenes Schauspiel von und mit Levi Bösker und Jonas Schönberger – fotografiert und kuratiert von Stephan A. Schmidt

Die beiden jungen Schauspieler und Künstler Levi Bösker und Jonas Schönberger wagen in Uniformen und ohne Sprache, wie in einem nachkolorierten Stummfilm, verstörende Szenen, eingefroren in Fotografien.

MYTHUS · Levi Bösker & Jonas SchönbergerDie Bildsprache ihrer szenischen Erzählung mit weiteren Darstellern steht im Irgendwo zwischen Gottfried Helnwein, Wolfenstein und Rammstein – und steht letztlich in der Tradition der Kirchenmalerei, die seit dem Mittelalter mit Darstellungen von Todsünden, Hexensabbat oder Jüngstem Gericht buchstäblich den Teufel an die Wände malt und mit Bildern der niederländischen Renaissance von Pieter Bruegel und seinem Vorbild Hieronymus Bosch Einzug in die kollektive Bilderwelt der Menschen in Mitteleuropa gefunden haben.

Ebenso wie diese stellen sie keine Fragen, sondern bilden ab. Und: „Wir befehlen Ihnen, hinzuschauen, und zeigen Unmündigkeit in reinster Form, damit Sie sich nicht von ihr verleiten lassen“, sagen die 18 und 21 Jahre alten Künstler und verweisen über die Kant’sche „selbstverschuldete Unmündigkeit“ auf das Zitat der großen politischen Philosophin Hannah Arendt: „Keiner hat das Recht zu gehorchen.“

Der Betrachter mag dennoch hinterfragen: Warum meinen heutzutage zwei junge Künstler, sich wieder Uniformen anziehen zu müssen, während man mit Brandstiftern das tolerante Zwiegespräch führt? Was wird im Lauf der Geschichte zu solchen „Mythen“, die die Masse wie das Individuum, die Gemeinschaft aus Bürgern oder Konsumenten aus der Verantwortung stehlen? Wer bin ich: Opfer, Täter, Befehlsempfänger, beobachtender oder gar wegschauender Dritter?

MYTHUS · Levi Bösker & Jonas SchönbergerDie Ausstellung lässt auch den Tat- und Drehort des Schauspiels wieder aufleben; Sound und Video – plus einige Heldenportraits – ergänzen die großformatigen Szenenbilder der beiden, die vom Kemptener Künstler und artig-Vorsitzenden Stephan A. Schmidt fotografiert wurden, der diese nur vordergründig monothematische wie vielschichtige Ausstellung auch kuratiert.

Achtung: Die Vernissage findet ausnahmsweise NICHT an einem Freitag statt. Eröffnet wird „Mythus“ am Sa. 21. September 2019 um 19 Uhr zur KunstNachtKempten. Sie endet mit einer Finissage am Tag der Ddeutschen Einheit, Do. 3.10.19, um 18 Uhr mit einem Künstler- und Kuratorengespräch.

Termine & Öffnungszeiten:

  • öffentliche Vernissage: Sa. 21. September 2019 (KunstNachtKempten) um 19 Uhr, Begrüßung 19:15 Uhr
  • zur KunstNachtKempten geöffnet bis mindestens 24 Uhr. Mehr zur Kunstnacht unter www.kunstnacht-kempten.de ⇒
  • Öffnungszeiten bis einschließlich Di. 1. Oktober 2019: Dienstag von 16 bis 20 Uhr und Samstag & Sonntag von 11 bis 17 Uhr
  • Finissage mit kurzem Schauspiel (Wiederholung von der Vernissage auf vielfachen Wunsch), anschließend Künstler- und Kuratorengespräch mit Levi Bösker, Jonas Schönberger und Stephan A. Schmidt: Do. 3.10.19, 18 Uhr
  • Der Eintritt ist wie immer frei. So wie die Kunst.

Abbildungen (z.T. im Ausschnitt) © 2019: Boesker/Schönberger/Schmidt

Begleittext zur Ausstellung:

Unwissenheit ist ein Segen.

Nicht hinzuschauen, nur das Schöne in der Welt zu sehen – ja, das macht uns zwar nicht gerade kämpferisch, aber es ermöglicht ein recht komfortables, überschaubares Leben. Ein Leben ohne Unruhen, ohne potenzielle Konflikte, mit sich selbst und mit anderen. Kurz: Wenn man keinen Plan hat, was abgeht, wird man davon auch nicht tangiert. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Und auch wenn dies für viele unter uns so funktionieren mag, bezahlen wir einen hohen Preis für unseren scheinbaren Frieden.

Unsere Freiheit.

Wenn wir unsere Verantwortung, an uns, an die um uns herum und die, die nach uns kommen, abgeben, geben wir gleichzeitig das auf, was uns zutiefst zum Menschen macht: unseren freien Willen und die damit verbundene Entscheidungsfreiheit. Die überlassen wir lieber denen, von denen wir glauben, dass sie schon das richtige tun. Was immer Das Richtige letztlich ist, wir machen anstandslos ohne Wenn und Aber mit. Und sollten die sich verkalkulieren, gibt es stets die altbewährte Möglichkeit: „Wir haben ja nur Befehle befolgt.“

Doch das ist nicht mehr nur Gehorsam. Das ist Komplizenschaft.

In diesem Sinne befehlen wir Ihnen, hinzuschauen und die hässliche Welt zu sehen! Entfliehen Sie dem bequemen Schoß der Akzeptanz und Konstanz und stürzen Sie sich auf die nackte Wahrheit, die hängenden Brüste der Gesellschaft, das Rektum des modernen Homo Sapiens Sapiens. Und nein, letzteres ist keine Aufforderung medizinischer oder sexueller Art; es ist lediglich der Aufruf, auch das zu betrachten, was unangenehm oder gar abartig ist.

Sie werden uns in schwarzen Uniformen sehen, bei denen Sie unweigerlich Assoziationen mit Manipulation, Gewalt, Grausamkeit und Faschismus bilden werden. Zurecht, denn diese Dinge existieren noch, trotz Grundgesetz und Co. Und sie werden bis in alle Ewigkeit existieren. Also lautet die Devise: Hinsehen!

Sie werden ein junges Mädchen sehen, unschuldig, blind und taub. Kennen Sie die Metapher von den drei Affen? Das Mädchen kann nichts sehen, aber Sie schon. Also: Hinsehen!

Tun Sie es in Ihrem eigenen Interesse, denn Unmündigkeit jeglicher Art ist, nach Kant, selbstverschuldet. Wir zeigen Ihnen Unmündigkeit in reinster Form, damit Sie sich nicht von ihr verleiten lassen.

Das ist der tiefere Sinn.

Das ist MYTHUS

Levi Bösker, Kempten im Juli 2019

Notabilia:

„Nur solches Denken ist hart genug, die Mythen zu zerbrechen, das sich selbst Gewalt antut.“ – Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, 1944, in „Dialektik der Aufklärung“ zum Scheitern der Aufklärung im Nationalsozialismus

„Der Mythos verbirgt nichts und stellt nichts zur Schau. Er deformiert.“ – Roland Barthes, 1957, in Mythen des Alltags

„Kein Mensch hat bei Kant das Recht zu gehorchen“ – Hannah Arendt, Radiointerview mit Joachim Fest im Südwestfunk am 9.11.1964 in der Sendereihe Das Thema. Zum Nachhören: CD Hannah Arendt, Karl Jaspers: Eichmann – Von der Banalität des Bösen. ISBN 978-3-86750-072-2

„I would prefer not to.” – Bartleby der Schreiber in der gleichnamigen Erzählung von Herman Melville, 1853

„And now you do what they told ya, now you’re under control. And now you do what they told ya, now you’re under control.“ – in „Killing in the name von Rage Against the Machine, 1992

 „Mythus“ ist ein sogenanntes Bastardwort. Das griechische Original „Mythos“ wurde von den römischen Eroberern latinisiert.

„Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ ist der Titel des 1930 verfassten und mit weit über einer Millionen Auflage verbreiteten Buches von Alfred Rosenberg, dem NSDAP-Chefideologen und Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. Er wurde im Nürnberger Hauptprozess als einer der Hauptschuldigen der NS-Kriegsverbrechen in allen Anklagepunkten für schuldig befunden und 1946 in Nürnberg gehängt.

Und: Mythen, ob bei Identität, Lebenssinn oder Religion, sind vielfältig und verleiten zu einem eindimensionalen, unreflektierten Denken, in dem oft Eigenverantwortlichkeiten einer Vorherbestimmung und einem Schicksal untergeordnet werden.

Kein Mythos, sondern ein Paradoxon ist: Man befahl mir, nicht zu gehorchen. Und ich gehorchte.

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